Kurzbeschreibung
Wie würde die Welt aussehen, wenn jeder
Mensch die gleichen Voraussetzungen wie
jeder andere hätte? Manuela Pfrunder
beantwortet diese Frage, indem sie in
«Neotopia» eine imaginäre neue Weltordnung
präsentiert. «Neotopia» zeigt die
typografisch eindrücklich gestaltete Vision
einer Welt, in der alles im Sinne radikaler
Gerechtigkeit neu verteilt ist, in der jeder
Mensch die gleichen Rechte und damit auch
den gleichen Anspruch auf alle Ressourcen
hat.
Auf der Basis von aktuellen Statistiken
werden die Besitzverhältnisse so geregelt,
dass jeder Mensch den gleichen Anteil an
allem erhält. Was besitzt dann jeder
Einzelne? Wie viel Insel? Wie viel Eis? Wie
lange leben wir in Luxus? Wie lange hungern
wir, und in wie vielen Jahren erhalten wir
ein neues Paar Jeans? «Neotopia» teilt jedem
ein eigenes Land zu, 291,5 m x 291,5 m
gross, mit Insel, Wasser, Kultur- und
Ackerland, mit Wüste, einem Anteil an der
Reis-, Auto- und Seifenproduktion und der
Freiheit, mit seinen Ressourcen auf eigene
Weise umzugehen.
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Neue Zürcher Zeitung
Im Land der vollkommenen Gerechtigkeit
Manuela Pfrunders Gedankenexperiment «Neotopia»
Gerechtigkeit für alle! Leicht schreibt man sich derlei
Wahlsprüche auf die Flagge, etwas schwieriger wird in der
Regel der Versuch, sie in die Tat umzusetzen oder auch nur
konsequent durchzudenken. Die 1979 geborene Manuela Pfrunder
hat die einschlägige Formel zum Thema ihrer Abschlussarbeit
in – nicht etwa Soziologie oder Jura, sondern Grafik
gemacht; sie nutzte die künstlerische Freiheit ihres Fachs,
um nun im schmalen Bild-Text-Band «Neotopia» ein Konzept
vorzulegen, das auf spielerische Weise einiges zu denken
gibt. Die Grundidee ist einfach: Man nehme die verfügbaren
Ressourcen an Land und Wasser, Energie, Tieren, Pflanzen und
materiellen Gütern und dividiere die Summa durch die
Kopfzahl der Erdenbürger. So teilt die Autorin zunächst
jedem Menschen sein persönliches «Land» zu, inklusive
maritimen Umschwungs, vorgelagerter Insel und Polarzonen in
Nord und Süd. Statt der bekannten Weltkarte entsteht so ein
dichter Raster von 6 442 450 944 Planquadraten, der ebenso
viele kleine Landblöcke über den von einem Weltmeer
bedeckten und von sechs Sonnen gleichmässig erhellten Globus
verteilt. Das jedem Einzelnen zugeteilte Stückchen Festland
– in der obigen Bildwiedergabe muss es leider ohne die
originale Farbgebung erscheinen – ist nach einheitlichem
Gestaltungsplan in Wald- und Wüstenzonen, Wiesen, Gewässer,
Acker- und Kulturland aufgeteilt; mit 200 × 115 Metern
Auslauf hat man sich zu begnügen, das beigegebene Inselchen
von etwa 37 × 37 Metern ist wohl gerade für einen
Wochenendausflug gut. Während in diesen Grafiken primär der
künstlerische Part der Diplomarbeit mit Geschick, aber ganz
im Bereich des Imaginären eingelöst wird, engagiert die
Autorin den Leser im knapp gehaltenen Begleittext auf
unmittelbarere Art. Dabei fördert sie im bodennahen Kalkül
mit statistischen Werten und Produktionszahlen durchaus
Überraschendes zutage. Zwar werden wir in der neuen,
vollkommen gerechten Welt 60 Tage im Jahr Hunger leiden und
nur alle zwei Monate in den Genuss einer Tasse Kaffee
kommen; dafür gibt's immerhin zwei Zigaretten pro Tag, am
Wochenende sogar drei. Bedenklich dürfte die Tatsache
stimmen, dass jedes Ländchen mit 333 333 US-Dollar
verschuldet ist, die Unterstützungsleistungen der Vereinten
Nationen, des World Food Programme und anderer grosser
Hilfsorganisationen aber lediglich mit Beträgen wie 0,205
oder 0,177 Dollar zu Buche schlagen. Aufzufinden sind wir
unter dem Code unseres Planquadrats, und da allen die
gleichen Kommunikations- und Reiseprivilegien zustehen, ist
tröstlicherweise sogar die Einsamkeit nach Massgabe des
Rechts verteilt. «Neotopia» ist eine Art Gegenentwurf zur
bereits kursierenden Idee vom fiktiven «Weltdorf», unter
dessen 100 Bewohnern die Güter dieser Erde gemäss den
realiter herrschenden Verhältnissen aufgeteilt sind – so
dass Ungleichheiten und Unrecht im überschaubaren Rahmen
umso stärker hervortreten. Die diesem Konzept inhärente
Moralinsäure hat Manuela Pfrunder neutralisiert, indem sie
nicht die Fetten mit den Habenichtsen konfrontiert, sondern
unterschiedslos allen mit verschmitzter Grosszügigkeit
darreicht, worauf sie (wenn denn alles mit rechten Dingen
zuginge) ein Anrecht hätten: eine kecke Justitia ohne
Augenbinde – und ohne Schwert. Angela Schader
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